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Die Alchemie des Lebens: Im Gespräch mit Nina Altmüller

Nina  Altmüller ist ein kreativer Tausendsassa: Autorin, Verlegerin, Forscherin und  die kreative Partnerin des Künstlers Benny Altmüller. Ihr Leben ist ein Mosaik  aus vielfältigen Interessen, das von wissenschaftlicher Akribie bis zu tief  empfundener Poesie reicht. In ihrem Verlag „Schriftenstand“ gibt sie der  oberösterreichischen Literaturszene eine Bühne. Wir haben mit ihr über die  Kunst der Veränderung, die Kraft der Gegenwart und die Leidenschaft für das  geschriebene Wort gesprochen.


Hannes Kahr: Frau Altmüller, Ihr Lebenslauf ist beeindruckend vielseitig. Sie haben Germanistik, Philosophie und später Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Was ist der Motor hinter dieser unermüdlichen Neugier?

Nina Altmüller: Ich hatte schon immer sehr vielfältige Interessen, weshalb mir die Entscheidung für ein einziges Fach schwerfiel. Nach meiner Zeit in Wien führten mich familiäre Gründe zurück nach Linz. Die Geisteswissenschaften waren dort nicht so stark vertreten, aber die Soziologie bot mir mit ihren vielen Wahlfächern eine wunderbare Möglichkeit, meine Interessen zu bündeln. Ich konnte mich auf Philosophie, Wissenschaftstheorie, Zeitgeschichte und Gender Studies konzentrieren. Diese Vielfalt hat mich letztlich angezogen.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Dissertation über Herta Wagner zu schreiben, eine doch eher unbekannte, wenn auch schillernde Persönlichkeit?

Das war ein glücklicher Zufall. Nach einer zehnjährigen Pause zwischen Magisterium und Doktorat, in der meine Tochter zur Welt kam, wollte ich das Doktorat unbedingt noch abschließen. Mir war klar, dass es ein historisches Frauenthema mit Linz-Bezug sein sollte. Bei meiner Recherche stieß ich auf Herta Wagner und bemerkte, dass es über sie keinerlei Sekundärliteratur gab – ihr umfassender Nachlass war wissenschaftlich völlig unberührt. Ihre Vielseitigkeit als Schriftstellerin, Heimatforscherin, Journalistin und vor allem Komponistin hat mich sofort fasziniert. Sie war eine für ihre Generation – geboren 1876 – außergewöhnlich moderne Frau, die fünf Regierungsformen überlebte und sogar vom Christentum zum Buddhismus konvertierte.

Neben Ihrer akademischen Arbeit haben Sie an Forschungsprojekten zur NS-Zeit in Oberösterreich mitgewirkt. Wie kam es zu diesem Engagement?

Auch hier spielte das Glück eine Rolle. Während ich an meiner Dissertation schrieb, suchte die österreichische Historikerkommission Mitarbeiter in den Bundesländern, um dubiose Eigentümerwechsel von Immobilien zwischen 1938 und 1945 zu untersuchen. Diese Aufgabe war unglaublich aufwendig, aber auch hochinteressant. Aus den alten Grundbüchern und Urkunden konnte man die Geschichten hinter den Enteignungen herauslesen – wie Druck aufgebaut wurde oder wie sich die NS-Jägerschaft die schönsten Anwesen „unter den Nagel gerissen“ hat. Aus diesem Projekt ergab sich dann ein Folgeprojekt für das Land Oberösterreich, und so führte eins zum anderen.

Kommen wir zu Ihrer eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Über Ihr Buch „Katze in Setz geschmückt“ heißt es, Sie seien radikal offen und vermitteln ein tiefes Empfinden von Gefühlen. Was können wir uns darunter vorstellen?

Ich habe im Leben schon einiges erlebt, oft hatte ich Pech, aber dann auch wieder wahnsinniges Glück. Irgendwann habe ich beschlossen, das Leben so zu nehmen, wie es ist, und das scheinbar Negative als Lernprozess zu sehen. Beim Schreiben hilft es mir am meisten, komplett offen zu sein. Ich glaube, man spürt als Leser genau, ob jemand das, worüber er schreibt, auch emotional durchlebt hat oder ob es eine reine Konstruktion ist. Authentizität ist das, was eine Geschichte spürbar macht und Emotionen auslöst. Die Gedichte in diesem Band sind sehr persönlich. Sie handeln vom Leben, von Erkenntnissen und der Begegnung mit Ängsten, vieles davon entstand, als mein Mann schwer krank war.

Sie sind nicht nur Autorin, sondern mit „Schriftenstand“ auch Verlegerin. Wie kamen Sie zu diesem ungewöhnlichen Namen und was ist die Linie Ihres Verlags?

Der Verlag wurde 2015 ursprünglich unter einem anderen Namen gegründet. Der Name „Schriftenstand“ hat einen persönlichen Hintergrund. Ich war mit meinem Mann in Rüdesheim am Rhein und wir wanderten zum Kloster der Hildegard von Bingen. Dort stand am Eingang eine alte Holzbude, über der ein Schild mit der Aufschrift „Schriftenstand“ in Korinthischrift hing. Der Name gefiel mir sofort. Die Verlagslinie ist seit der Gründung unverändert: Literatur mit Oberösterreichbezug. Das heißt, wir verlegen Autoren, die aus Oberösterreich stammen, hier leben oder darüber schreiben. Der Fokus liegt auf anspruchsvoller Prosa, Lyrik, Zeitgeschichte und Kunst. Ratgeber oder Kinderbücher werden Sie bei uns eher nicht finden.



Sie arbeiten auch eng mit Ihrem Mann, dem Künstler Benny Altmüller, zusammen. Wie kann man sich diese kreative Symbiose vorstellen?

Das ergibt sich ganz natürlich. Wir tauschen uns ständig über unsere Arbeit aus, über das, was uns beschäftigt. Auf Reisen oder Wanderungen holt er sich Inspirationen für seine Bilder, und ich sehe diese Eindrücke später in seinen Werken wieder. Er erfasst das Bildhafte, ich sehe den literarischen Hintergrund darin. Wir haben auch schon zusammen Skulpturen gebaut. Einmal mussten wir im November bei Kälte und Regen einen seiner riesigen Holzsterne reparieren. In solchen Momenten, wenn man sich gegenseitig aufbaut und den Spaß nicht verliert, merkt man, wie gut man als Team funktioniert. Das schweißt zusammen.

Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der sich durch Ihr Leben zieht?

Ja, ich denke, das ist die permanente Veränderung. Das Leben ist ein ständiger Wandel. Für mich ist es entscheidend, sehr in der Gegenwart zu leben. Die Vergangenheit ist unabänderbar, die Zukunft kennen wir nicht. Das Einzige, was uns bleibt, ist das Jetzt. Diese Haltung hat mir geholfen, auch mit sehr schwierigen Situationen umzugehen. Ich nenne das die „Hörnchentechnik“: Man macht immer nur kleine Schritte, wie ein Eichhörnchen, und wundert sich am Ende, wie viel man damit geschafft hat.


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