„Ich geh mal kurz für Königstiger“
- Franz Durst

- vor 6 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Ich schreibe keinen Nachruf. Nicht für meinen Freund, den Dichter, Schauspieler, Regisseur und Sänger Erich Josef Langwiesner. Das haben andere bereits getan.
Nein, ich erzähle, wie es war zwischen dir und mir. Dass du so früh gehen musstest, tut mir weh und mit dem Verlust kommen die Erinnerungen, dringen in die Gegenwart. Es ist ein ganzes Kaleidoskop an Erinnerungen über einen Zeitraum von ca. 12 Jahren. Ich sehe uns beide als Delegierte im Landeskulturbeirat, wo wir uns zerkugelten über den Satz einer Kollegin, mit dem sie jeden Diskussionsbeitrag einleitete: „Ich bin vom Land, das versteh ich nicht“ oder:
„Bei uns am Land ist…“. Seither waren diese beiden Sätze eine Art Erkennungszeichen zwischen uns. Eine harmlose Blödelei, die zu einem geheimen Code wurde, den nur wir verstanden. Ich sehe uns auch im Cafe Traxlmayr sitzen. Ich war dabei, meinen Verlag zu gründen und du warst ein Autor, der einen Verlag suchte. Stundenlang sprachen über - nein, nicht Gott, sondern über Literatur und die Welt. Leichtigkeit führte Regie bei diesen Gesprächen, die mit ein oder zwei G’spritzten noch lustiger, aber auch tiefsinniger wurden. Oft ging es um das Leben, die Zeit und unser begrenztes Verständnis von Warum und Wohin. Musstest du aufs stille Örtchen, sagtes du: „ich geh mal kurz für Königstiger“. Ich fand diesen Ausspruch dermaßen nett und witzig, dass ich ihn in mein persönliches Vokabular aufnahm. Ich führe seit meiner Jugend einen Kalender von Moleskine. Jedes Jahr ist darin verzeichnet. Blättere ich auch nur einen einzigen aus den vergangenen zehn Jahren durch, so finde ich sicherlich ein Mal pro Woche den Eintrag: Erich. Traxl, was bedeutete, ein Treffen im Traxlmayr (es schmerzt in der Vergangenheit, die eine Zukunft ausschließt, zu schreiben). Ein veritables Stündchen Literatur, pflegtest du zu sagen. Nicht immer musste ich dir alles erzählen, du fühltest es auch so. Zwischen wenigen Worten lagen Wahrheiten und Befindlichkeiten. Natürlich warst du ein begnadeter Erzähler. In einem Leben wie deines war, passiert viel, trifft man zahlreiche verschiedene Menschen. Wie ich warst du eine Zeitlang in Oldenburg. Das ist eine seltsame Verbindung, die wir durch diese Stadt hatten. Nicht zuletzt, weil ich genau dort eine, für mein weiteres Leben maßgebliche, Erfahrungen machte. Überhaupt hatten wir einige seltsame Gemeinsamkeiten: Liebe zum kalten Wasser zum Beispiel. Du schwammst bei jeder Witterung im Traunsee. Das tue ich zwar nicht, aber ich liebe es, in kaltem Wasser
zu schwimmen. Fremde Städte empfandest du als stressig, weil dein Orientierungssinn mindestens so schlecht wie meiner war. Zum Weihnachtsfest hattest du ein ebenso ambivalentes Verhältnis wie ich. Sich am 23. Dezember im Traxlmayr zu treffen, um über die bevorstehenden Festtage zu jammern, gehörte einfach dazu. Dabei wussten wir beide, dass wir uns im Grunde aber darauf freuten. Französische Chansons liebten wir beide.
Hattest du nicht vor, bei mir Französisch zu lernen? Und wollten wir nicht am Kalvarienberg lesen? So vieles bleibt offen, Projekt und Plan.
Es fällt mir schwer, diesen Text zu schreiben. Zu viele Erinnerungen an dich steigen auf. Du warst eine Säule in meinem Leben. Ich sage, du warst ein Herzensfreund, ein Seelenverwandter. Durch dich habe ich meinen Mann kennen gelernt. Wo? Ihr werdet es nicht glauben: Es war im Traxlmayr! – und du sahst sofort, dass mich Amors Pfeil voll erwischt hatte. Mein Verlag ist untrennbar mit dir verbunden. Dein Buch war mein verlegerisches Erstlingswerk „Fernwärme-Freihaut“ lautete der Titel des Prosabands. Wir hatten eine Präsentation in den Kammerspielen geplant, aber leider waren die Bücher noch nicht fertig. Kurzerhand improvisierten wir mit laminierten Zetteln und verwiesen auf die Bestellliste. Einmal hatte ich eine Lesung in Wien organisiert. Zu viert fuhren wir
an einem knallheißen Junitag in meinem Auto nach Wien. Gerade noch rechtzeitig vor Beginn waren wir vor Ort. Verkauft haben wir wenig an diesem Abend, aber schön wars trotzdem. Ein anderes Mal
hatte ich eine Open-Air-Lesung am Alten Markt in der Altstadt organisiert. Da kam unvermutet ein Gewitter. Es begann zu regnen, Windböen fuhren in die Blätter der Lesenden. Du aber bliebst unbeeindruckt auf der Bühne stehen und last weiter als wäre nichts. Dann zog ich mit dem Verlag in ein Lokal in der Altstadt. Damit begann eine legendäre Zeit. Zahllose Lesungen in verschiedener Besetzung fanden hier statt. Einmal sogar mit einer Band. Wir tanzten, du und ich und wir sangen deinen Lieblingssong „What a wonderful world“. So hätte es für immer weitergehen können. Niemals gab es zwischen uns Meinungsverschiedenheiten. Wir nahmen uns gegenseitig, wie wir waren.
Keiner wollte den anderen verändern, zurechtbiegen. Zu dir hatte ich unendliches Vertrauen. Ich wolltedein Glück.
Es freute mich, dass du eine wundervolle Partnerin an deiner Seite hattest.
Das Schöne an Freundschaft ist, dass sie frei von Besitzansprüchen und damit Eifersucht ist. Wenn du dabei warst, hatte ich ein Gefühl von Sicherheit. Es war nicht deine körperliche Erscheinung, es war deine Ruhe, deine Gelassenheit, die eine Frucht schmerzhafter Erfahrungen ist. Ich war einfach gern mit dir zusammen. Einmal besuchte ich dich im Krankenhaus: deine Partnerin hatte mich angerufen. Sie meinte, nur ich könne dich aufheitern. Als ich kam und dich mit „Was ist los mit dir, Königstiger?“ begrüßte, war deine Stimmung gleich besser. Und bald warst du wieder gesund. Du schriebst wunderbare Gedichte, die man genau lesen musste. Da du mir neun Bücher anvertraut hast, und ich alle lektoriert habe, kenne ich dein Werk gut. Triptychen, die in Zusammenhang zueinanderstehen, mochtest du. Nicht zuletzt warst du auch ein politischer Mensch. Ein Mensch ohne Ressentiments. Einmal hast du einer jungen Straßenkünstlerin ein Bild abgekauft und zehn Mal so viel bezahlt, wie sie verlangt hat. „Kunst muss anständig honoriert werden“, sagtest du. Als Russland die Ukraine angriff, hast du sofort reagiert und eine „Anti-Kriegs-Fibel“ geschrieben, die wir unverzüglich anlässlich einer Lesung präsentiert haben. Viele solcher Anekdoten könnte ich noch erzählen, aber dann müsste ich dich zur Hauptfigur in einem Roman machen. Eigentlich schriebst du immer: im Zug, im Cafehaus, am Gmundner Seebahnhof, in Griechenland, zuletzt
im Krankenhaus. Beim Schreiben hast du keinen Computer benutzt, sondern mit der Hand geschrieben, in Notizbücher. So schenkte ich dir jedes Jahr zu Weihnachten ein solches Buch, damit du nicht aufhörtest zu schreiben. Kaum war ein Buch fertig, war das nächste in Arbeit. Jetzt Im Angesicht deines Todes frage ich mich, ob du ahntest, dass du nur begrenzte Zeit zur Verfügung hattest, dass deine Geschichten und Gedichte rechtzeitig geschrieben werden mussten. Fast schein es so, denn die letzte Seite deines letzten Buches schriebst du im Krankenhaus, kurz bevor du deine Augen für immer geschlossen hast.
Das letzte Wort gehört dir, meinem Königstiger. Es ist aus deinem autobiografischen Prosaband „das schwarze segel“ aus dem Jahr 2025:
„der kleine junge, der mit seiner spielzeugtrommel der stadt - und anderen kapellen auf schritt und tritt, meistens bis zum friedhof nachgelaufen ist, einsegnungen, damals schon seinen lebensrhythmus suchend, immer wieder musik- bis beat verunsichert, über instrumente, ja übers theater stolpernd, steht heute noch mit heißem herzen neben der
musical-bigband neben riesenorchestern auf der bühne, träumt und spielt selbst ums leben, jeden konsens mit allem, was musik und sprache
überhaupt zusammen herzugeben fähig sind.“





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